Achtung, rastende Robbe!

Besuch auf der Nordseeinsel Juist zur Nebensaison

Unter uns schimmert das Watt in diversen Grautönen. Es ist nicht viel Wasser da in diesem April – das haben die Ostergäste bereits zu spüren bekommen. Einige verbrachten die Nacht auf einem der Frisia-Schiffe. Wenn das Schiff einmal auf eine Sandbank aufläuft, kommt es so schnell nicht wieder herunter. Dann heißt es warten auf die Flut und die stellt sich ja bekanntlich erst nach sechs Stunden wieder ein. So etwas passiert, wenn man nach Juist will.

Juist

Einmal im Jahr reisen meine Mutter und ich auf unsere Lieblingsinsel, die ich seit mehr als 30 Jahren regelmäßig besuche. Irgendwann packt uns beide die Sehnsucht..nach der Nordsee, der steifen Brise und dem längsten und für uns schönsten Strand der Welt. Wir brauchen dann das Pferdegetrappel auf den Kopfsteinpflasterstraßen beim Aufwachen, den vagen Geruch von Pferdemist in der Luft und das Geklapper der Fahnenmasten im Wind. Dieses Jahr reisen wir nach Ostern, denn dann sinken die Preise bis Anfang Mai noch einmal ein bisschen und es sind noch nicht ganz so viele Menschen auf der Insel. Fliegen tun wir eigentlich nie aber diesmal musste es sein, denn wir haben es geschafft das Schiff zu verpassen. Fliegen bei Windstärke sieben ist nicht jedermanns Sache, schon gar nicht die meiner Mutter in einer Cessna mit acht Plätzen. Wir vertrauen dem wortkargen Piloten, der die Tour mehrmals am Tag fliegt. Genau sieben Minuten sind es, die gerade ausreichen, um den weiten Blick über das Wattenmeer, Norderney, die Nachbarinsel und natürlich das schmale Juist schweifen zu lassen. Dann beginnt schon wieder der Landeanflug. Wir krabbeln aus der Maschine und stehen auf der kleinen Landebahn direkt neben dem Flughafengebäude und müssen uns anstrengen, um nicht vom Winde verweht zu werden. Eine Kutsche mit zwei Islandpferden im Gespann erwartet uns und die anderen neuen Gäste für die circa dreißigminütige Fahrt ins Dorf. Unterwegs beobachten wir Fasanen und Möwen, die sich heute bei dem Sturm am Boden aufhalten. Viel zu viel Energie müssten sie aufwenden, um zu fliegen.

Es tut sich was auf Juist! An allen Ecken, so scheint es, wird gebaut und renoviert und abgerissen und neu gebaut. Wir alten Hasen sind darüber nicht erfreut. Es verändert sich viel in sehr kurzer Zeit. Von den Insulanern erfahren wir, dass sie damit ebenfalls nicht alle glücklich sind. Die Sorge kursiert, dass Ferienhäuser und Wohnungen nur noch für maximal vier Wochen im Jahr bewohnt sind und auch, dass die Lebenshaltungskosten ansteigen. Was ist da los?, fragt sich der arglose Urlauber, der hier zum Ausspannen herkommt. Nicht nur Baulärm stört die Ruhe, auch das Gefühl, dass hier möglicherweise bald nichts mehr ist, wie es mal war, irritiert.

Zum Glück haben sich einige Institutionen auf Juist dann doch nicht verändert. Zum Beispiel die päbstliche Strandhalleauf der Strandpromenade oder das Lütje Teehus im Januspark. Hier gibt es köstliche Kuchen und vor allem die besten frischen Waffeln in echt friesischer Atmosphäre. Jeden Nachmittag wieder müssen wir uns anstrengen, uns den Appetit auf das Abendessen nicht schon mit Kuchen und heißer Schokolade zu verderben.

Die wenigen Tage auf der Insel wirken. Es ist mild, der Wind hat sich gelegt und die Sonne scheint von einem stahlblauen Himmel auf uns herab. Auch Strand und Meer haben sich nicht verändert, hier herrschen nach wie vor die Naturgewalten.

Als wir am westlichen Ende des Hammersees zum Strand hinunterlaufen sehen wir ein Schild, über das wir schmunzeln müssen: „Achtung, rastende Robbe!“ lesen wir da. Und, dass man Abstand halten soll, sollte man ihr begegnen. Wir haben sie nicht gesehen, dafür Unmengen an Krebsen, Möwen und Strandläufern. Die kleinen Tiere flitzen so schnell über den Strand, dass man ihre Beinchen nicht mehr sehen kann. Es sieht aus, als flögen runde Kugeln über den Sand.

Nächstes Jahr kommen wir wieder und schauen uns an, wie die Veränderungen unserer Lieblingsinsel zu Gesicht stehen. Und natürlich in der Hoffnung, diesmal die rastende Robbe zu erleben. Vermutlich wird sie ja zurückkehren auf die schönste ostfriesische Insel der Nordsee mit dem längsten Strand der Welt. Genauso wie wir.


7 Antworten auf “Achtung, rastende Robbe!

  1. Uschi Kamprad schrieb am 30.04.2013 um 14:30

    War als Kind dort, als noch die sog. Inselbahn direkt über die Nordsee fuhr, dann vor 5 und vor 2 Jahnen mal wieder dort, Gott sei Dank, fast unverändert, wirklich. Kenne einige ostfries. Inseln, wie Wangerooge und Spiekeroog, und eben Juist, wo ich inzwischen richtig gute Pensionen, Restaurants (Gabel-Jürge), und Shops gefunden habe, alles noch im Rahmen. Werde wieder dahin gehen, obwohl mein seit vielen Jahren gewählter Wohnort am Zürichsee – auch – wundervoll ist.

  2. Martin Daberkow schrieb am 24.04.2013 um 16:35

    Ich kenne Juist nun seit ca 35 Jahren und es hat sich schon immer irgendetwas geändert, nur scheinen auch in diesem Fall die Änderungen immer schneller voranzugehen. Der „Kern“ von Juist, also das, was es wirklich ausmacht, wurde meiner Ansicht nach jedoch gut bewahrt. Und Investitionen in neue oder alte Häuser sind, sorgsam geplant, die Zukunftsfähigkeit der Insel von morgen. Ich kann mich an einen Zeitraum erinnern, zu dem ein Golfplatz am Hafen entstehen sollte. Die Hintergründe dazu kenne ich nicht, aber von dieser Idee ist keine Rede mehr – das stärkt mein Vertrauen dahin, dass Juist Juist bleibt. Und selbst die Erweiterung der Domäne Bill hat der Insel keinen Schaden angetan – hauptsache ist doch, dass man auch weiterhin bis zum Eingang anstehen muss 😉 LG und bis August, Martin

  3. Martina schrieb am 24.04.2013 um 10:15

    Ja es hat sich viel viel verändert nicht zum besten, für die Insel .Viele Leute sagen schon, das wird das zweite Sylt .
    Wir haben viel Jahre im Haus Seewind gewohnt, bei Kapitän Peters ,der schon vor 20 Jahren viel Kritik geäußert hat. Mit Recht !!!!!! Aberwitz kommen immer gerne wieder wegen dem Strand und der Ruhe .
    LG an die schönste Insel der Nordsee
    Martina

  4. Resi Lehmacher-Brouër schrieb am 24.04.2013 um 10:08

    Wunderschön geschrieben. War zur gleichen Zeit im Töwerland und die Robbe hat sich auch vor mir versteckt :-)
    Ansonsten bin auch ich diesmal leicht beunruhigt wieder nach Hause gefahren. Die Bautätigkeiten, Veränderungen und Benachteiligungen für die Insulaner, verbunden mit der Zunahme von Klamotten,-Nippes- und Plünnenläden hat mir nicht gefallen (siehe meinen facebook Eintrag)und macht mich besorgt.
    Ob es reicht darauf zu vertrauen, dass die „Verantwortlichen“ es schon richten werden? Ich weiß nicht. Für mich stellt sich langsam die Frage, was wir Gäste tun können.

  5. Alexander Miebach schrieb am 24.04.2013 um 09:58

    Ich war als Kind fast 10 Jahre lang 3x im Jahr auf der Insel und habe diese jetzt nach 40 Jahren wieder besucht. Mir fehlt die Inselbahn, die hatte etwas. Ansonsten kamen schon die Kindheitserinnerungen hoch. Hotel Pabst und Friesenhof, ehemals die Pension Berens. Alte Bilder zeigen schon eine etwas andere Insel. Die Touristik erfasst halt jede Ecke und wo Geld zu verdienen ist, wird gebaut. Leider steigen dadurch auch die Preise. Inseln waren aber schon immer Teuer. A. Miebach

  6. Linda Becker schrieb am 24.04.2013 um 09:02

    Ja, in 50 Jahren ändert sich sicher Vieles..aber manches bleibt eben auch genauso schön wie damals :) Danke für den schönen Kommentar!

  7. Paula Rupprecht schrieb am 24.04.2013 um 08:46

    Der Artikel ist mir aus der Seele gesprochen. Ich kenne Juist seit genau 50 Jahren. In dieser Zeit hat die Insel ihr Gesicht sehr verändert, ich finde vieles auch nicht gut, was sich da (besonders in den letzten Jahren) getan hat – aber der Charakter der Insel ist immer noch derselbe, und so zieht es mich auch immer wieder dorthin, wo ich vor 50 Jahren unfreiwillig und widerwillig als Saisonaushilfe bei der Post gelandet war und dabei die Insel lieben gelernt habe. Paula Rupprecht

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