Abseits der Pfade

Ob die Reiseplanung, der Mobilitätsmix oder die Wünsche der Gäste – in Zukunft wird sich einiges am Urlaub ändern. Was erwarten die ausländischen Zielgebiete, und wie ändert sich die Rolle von deren Vermarktern? Die fvw diskutierte mit den Deutschland-Chefs von fünf Fremdenverkehrsämtern. Sie sind Vorstände des Corps Touristique, der Vereinigung der ausländischen nationalen Tourismusorganisationen in Deutschland (siehe S. 165).

Weit gereiste deutsche Urlauber machen oft die verblüffende Erfahrung, an den entlegensten Plätzen der Welt Landsleute zu treffen. Kein Wunder: Von stolzen 69 Mio. Urlaubsreisen ab fünf Tagen, die die Deutschen 2016 laut der Reiseanalyse unternahmen, führten 70 Prozent (48 Mio.) ins Ausland. Deutschland ist der mit Abstand größte Quellmarkt in Europa. „Es gibt kaum eine Destination, in der die Deutschen nicht für die Grundauslastung sorgen“, sagt Jörg Krebs, Direktor für Deutschland, Nord- und Osteuropa von Schweiz Tourismus. „Selbst wenn Gäste anderer Nationen pro Kopf mehr ausgeben: Die Deutschen sind reiseerfahrene und loyale Gäste.“

Millionen Deutsche unterwegs – aber ganz individuell, bitte!

Über ein Drittel aller deutschen Urlaubsreisen führen allein ans Mittelmeer. Doch gerade weil die Deutschen eine sehr hohe Reiseintensität haben – immerhin 77 Prozent der Erwachsenen unternehmen jährlich mindestens eine Reise mit mindestens fünf Tagen Dauer –, sind sie auch anspruchsvolle Gäste. „Es gibt nicht mehr den Standardurlauber wie vor 20 Jahren“, sagt Hanna Kleber, die Präsidentin des Corps Touristique ist und mit ihrer Agentur KPRN in Frankfurt Länder wie Chile, Uganda und Südafrika vertritt. „Bettenburgen“ an einem sonnigen Strand reichten nicht. „Jeder plant von seinen Bedürfnissen her. Ein Banker, der das ganze Jahr in Fünf-Sterne-Hotels übernachtet, will vielleicht einen ganz legeren Rucksackurlaub verbringen.“

Künftig werde die Frage nicht mehr sein, in welches Ziel man mit einem bestimmten Budget komme, sondern „was kann ich für mein Geld erleben?“, sagt Jewgeni Patrouchev, Direktor Mittel- und Osteuropa von Pro Colombia. „Es ist überholt, dass Veranstalter und Messen nach Ländern statt nach Reisebedürfnissen sortiert sind“, meint Krebs. Wettbewerber der Schweiz sei nicht Österreich, sondern eher Norwegen.

Martina Feyerherd (links) und Klaus Hildebrandt (rechts) diskutierten mit den Chefs der Tourist Boards (von links): Romeo Draghicchio (Kroatien), Jewgeni Patrouchev (Kolumbien), Hanna Kleber (Chile), Joao Sampaio e Castro (Portugal) und Jörg Peter Krebs (Schweiz).

Martina Feyerherd (links) und Klaus Hildebrandt (rechts) diskutierten mit den Chefs der Tourist Boards (von links): Romeo Draghicchio (Kroatien), Jewgeni Patrouchev (Kolumbien), Hanna Kleber (Chile), Joao Sampaio e Castro (Portugal) und Jörg Peter Krebs (Schweiz).

Die Individualisierung werde fortschreiten, gängige Zielgruppenschubladen würden zunehmend obsolet, sind sich die Tourismuswerber einig. „Wir reden nicht mehr von Winteroder Familienferien“, sagt Krebs. „Die Schweiz hat 15 Segmente, von Gesundheit bis Radfahren.“ Beispiel Portugal: Der Badeurlaub an der Algarve spielt in den Sommerferien eine wichtige Rolle, doch das Land positioniert sich ganz anders, sagt João Sampaio e Castro, der das Büro von Turismo de Portugal in Berlin leitet: „Für uns sind Natur- und Aktivurlaub mittlerweile wichtiger als Sun & Beach.“ Deshalb sei Madeira inzwischen für deutsche Urlauber die wichtigste Region. Hinzu kommen Städtereisen, die in Städten wie Lissabon und Porto durch die Billigflieger wachsen und nicht nur nach Meinung von Castro auch in Zukunft weiter sehr gefragt sein werden. „Mal schnell ein Wochenende in einer fremden Stadt – das ist einfach zu planen und reizvoll“, meint Krebs.

BEI DEN REISEMOTIVEN der Deutschen dominieren der Bade- und der Familienurlaub (siehe Grafik S. 165). Aber vor allem bei Zweit- und Drittreisen werden Aktivitäten wichtiger. Und selbst der Badeurlaub spielt sich oft nicht mehr allein zwischen Strandliege und Büfett ab. „Erholung ist in den ersten Tagen des Urlaubs wichtig, dann wollen die Menschen etwas erleben “, meint Kleber. „Aktivität und Sport ist heute keine Frage des Alters mehr“, ergänzt Castro mit Blick auf die wachsende Gruppe der Best Ager. Auch Rundreisen seien ein „Megatrend – das zeigt nicht zuletzt der Erfolg der Kreuzfahrt“, sagt Krebs.

In Kroatien hätten die Urlauber früher ihre Zeit fast nur an den Küsten verbracht, sagt Fremdenverkehrsamtschef Romeo Dragicchio. „Heute besuchen mehr Menschen das Hinterland und die Städte.“ Durch Internet und Smartphone wird es leichter, vor Ort spontan Ausflüge zu planen. „Der Urlaub wird immer individueller – und das wird sich fortsetzen“, meint Draghicchio. Gerade weil die Menschen zunehmend in Städten lebten und in Büros arbeiteten, wachse der Wunsch nach authentischen Erfahrungen. „Am Ende sind es nicht die Landschaften und Sehenswürdigkeiten, sondern die Menschen, die den Unterschied machen“, betont Kolumbien-Vertreter Jewgeni Patrouchev.

Der Drang in die Ferne – und die Geschichte dahinter

Fernreisen sind neben Kreuzfahrten und Städtetrips ein zentrales Wachstumsfeld. Alle Veranstalter stocken kräftig auf. An allen Urlaubstrips haben Ziele von den USA bis Australien laut Reiseanalyse nur einen Anteil von acht Prozent. Doch in absoluten Zahlen sind es immerhin 5,3 Mio. Reisen – und es werden noch deutlich mehr, sind die Experten überzeugt. „Die Deutschen sind neugierig auf neue Ziele“, sagt Patrouchev. Kolumbien etwa kam 2016 auf knapp 60.000 deutsche Besucher, fast dreimal so viel wie 2008.

Für Fernreisen gebe es eine hohe Zahlungsbereitschaft. „Bei einer Reise nach Kolumbien ist man schnell bei 4000 bis 5000 Euro pro Person“, so Patrouchew. „Das ist vom Preis her eine Luxusreise, aber die Menschen wollen etwas ganz anderes erleben.“ Doch was genau? Bei etablierten Zielen wie Nordamerika, Thailand, Südafrika oder der Dominikanischen Republik haben die Interessenten feste Vorstellungen oder Bilder im Kopf. Bei anderen Ländern fällt das schwerer. „Die Deutschen wissen, wo Chile liegt, und Sicherheit ist auch kein Thema. Doch viele wissen nicht, was man dort sehen und erleben kann“, berichtet Kleber. Jede Destination müsse mit Hilfe der Marktforschung präziser die eigenen Stärken herausarbeiten und wirklich relevante Geschichten erzählen. „Ein Prospekt mit Strand und Palmen nützt nichts mehr.“

Hanna Kleber_Corps Touristique_KPRN_Tourismo Chile„Wir als Vermarkter
müssen aktiv gute Ideen
für eine Destination
entwickeln. Dann kann
man trotz knapper Mittel
Partner wie die
Veranstalter gewinnen.“

HANNA KLEBER
Präsidentin Corps Touristique und Turismo Chile

 

EWGENI-PATROUCHEV_Corps-Touristique_KPRN_Pro-Colombia.„Die Deutschen wollen
neue Ziele entdecken.
Davon profitieren wir.
Jeder Gast, der nach
Kolumbien kommt, hilft
dem Friedensprozess in
unserem Land.“

JEWGENI PATROUCHEV
Pro Colombia (Kolumbien)

 

Romeo-Draghccio_Corps-Touristique_KPRN_Kroatische-Zentrale-für-Tourismus_Mann.„Der Urlaub wird immer
individueller gestaltet.
Das wird sich fortsetzen.
Die Gäste suchen
authentische Erlebnisse
und Abwechslung.“

ROMEO DRAGHICCHIO
Kroatische Zentrale für Tourismus

 

 

JOÃO SAMPAIO E CASTRO_Corps Touristique_KPRN_Turismo de Portugal„Aktiv zu sein im Urlaub
ist heute und künftig
keine Frage des
Alters mehr.
Sun & Beach ist in Portugal
nur noch ein Produkt von
mehreren.“

JOÃO SAMPAIO E CASTRO
Turismo de Portugal

 

JÖRG PETER KREBS_Corps Touristique_KPRN_Schweiz Tourismus„Durch die sozialen
Medien wird der
Urlauber zum Vermarkter
einer Region. Wir
Fremdenverkehrsämter
werden immer mehr zu
Medienhäusern.“

JÖRG PETER KREBS
Schweiz Tourismus